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01.12.07 - 21:23 Uhr

Gestank ist seelisch


Mit welchen Augen wir einem Fremden begegnen, hängt davon ab, ob der Boden, auf dem wir stehen, sicher ist oder nicht. Mit beiden Beinen fest auf brauner Heimaterde, also auf dem sicheren Ufer und in der Überzahl, da braucht’s keine Toleranz, weil uns eh keiner ankann. Ausländerfeindlichkeit ist kein Nationalitätenproblem. Das Problem ist unsere unstillbare Gier nach Sicherheit und deren Absicherung.

 

Wenn Jurek Milewski, der Pole, sich in Österreich auf die Bühne stellt, um einen Araber zu spielen, dann ist das was Gutes. Es ist gut, weil keiner ein Problem damit hat. Milewski nicht, die Österreicher nicht, von den Arabern wissen wir’s nicht, aber das nehmen wir einfach an. Es ist gut, weil es zeigt, wie einfach es gehen würde, wenn es gehen würde. Niemand würde den Schauspieler Milewski einen diebischen Polaken nennen, solange er auf der Bühne steht. Mit Menschen, die „uns nichts wegnehmen“, „unsere Sicherheit nicht gefährden“, „nicht im Verdacht stehen, etwas zu wollen“ (von unserem Stück Apfelstrudel), gehen wir um wie die Lämmer.

 

Der Alltag im Stück Dreck (bemerken Sie die Doppeldeutigkeit? – Herrlich!), also im Theaterstück „Dreck“, ist anders. In diesem Alltag heißt Jurek Sad und ist Rosenverkäufer. Das ist schon mal schlecht, denn Sad nimmt den Heerscharen reinblütig österreichischer Rosenverkäufer die Arbeit weg. Aber Sad beklagt sich nicht. Als Philosophiestudent hatte er allen Grund, sein Land schleunigst zu verlassen, und nur in seinen sehnsüchtigen Träumen denkt er an Palmen, Tee und Backgammon zurück. Sad ist in Sicherheit.

 

Die Feinheit und Hingabe, mit der Milewski den arabischen Flüchtling spielt, ist beklemmend und fesselnd zugleich. Von der ersten bis zur letzten Sekunde beherrschen Milewski und Sad die Bühne, die von den Mitlebenden nicht mehr als solche wahrgenommen wird. Der Saal wurde Schauplatz und die Zeit wurde Lebensausschnitt mit einem, in seiner Verzweiflung beinahe schizophren gewordenen Sad (der eigentlich Achmed heißt). Achmed liebt uns, weil wir seine Hoffnung sind. Achmed teilt unsere Ängste und Ressentiments gegenüber seinesgleichen, weil er hofft, dass er uns deswegen ein wenig näher kommt und wir ihm eine Chance geben. Er versucht sich mit seinen Peinigern in dem Glauben zu arrangieren, wir würden ihn einfach hinnehmen oder sogar mit ein klein wenig Würde behandeln. Achmed hasst uns, weil wir mit ihm verfahren wie, nein, nicht wie mit einem Tier, wir lieben unsere Tiere, eher wie mit einem Stück Dreck. Er hasst uns, weil seine Hoffnung auf ein würdiges Leben, in unserem Land keine Zukunft hat. Er hasst uns, weil er nicht Mensch sein darf. Und er hasst sich selbst wegen seiner dunklen Augen, seiner schwarzen Haare und weil er verräterisch nach Zwiebeln stinkt. Oder kommt dieser Gestank doch aus seiner Seele, die schon so lange kein Licht mehr gesehen hat?

 

Als Illegaler gibt es für Achmed keinen Sonntag. Und wenn es einen gäbe – was sollte er damit anfangen? Die Parkbänke, auf die sich verdiente Einheimische in Ruhe zurückziehen, sind nicht für ihn bestimmt. Immer wieder möchte er sich auf die Bank setzen und immer wieder erschlägt ihn die Gewissheit, dass er dort keinen Platz hat. Milewski beutelt die Zuschauer in seiner Rolle so sehr, dass einige Köpfe nicken und man ihm bedeutet, er möge sich doch bitte endlich auf der Bank niederlassen, um das Publikum von den Qualen des schlechten Gewissens zu erlösen.

 











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