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Aktuell
01.06.12 - 13:24 Uhr

Kleinkarierter Kümmelspalter


Er: Hey sie! Hallo!

Sie: Bei mir ist nichts zu holen. Mich hat schon vor fünf Minuten einer überfallen. Sie sind leider zu spät.

Er: Junge Frau, ich störe sie wirklich nur ungern, aber ich wollte Sie nur ...

Sie:… vergewaltigen? Nein danke!

Er: Nein nein, wo denken Sie hin … ich kenn‘ sie ja kaum.

 

Diese und ähnliche Dialoge bestimmen das Geschehen, wenn Anita Köchl und Edi Jäger mitten in der Nacht an einer Parkbank aneinander geraten. Ein randvolles Emailwerk erlebt mit gestraffter Gesichtsmuskulatur wie zwei vom Leben - oder besser von ihren Lebenspartnern - enttäuschten Individuen versuchen, ihrer Enttäuschung Herr zu werden und sich dabei immer näher kommen. Die Komödie „Amaretto“ von Uli Bree ist der Spielgemeinschaft Köchl&Jäger auf den Leib geschrieben.

 

Manchmal tiefsinniger, manchmal pfeilgerader Wortwitz, immer wieder abgerundet mit etwas Slapstick, gehören eindeutig zur Kernkompetenz des genialen Komödiantenpaares. Während Jäger in der Rolle des betrogenen, etwas naiven, in jedem Fall aber grenzenlos unbeholfenen Yuppie aufgehen darf, spielt Köchl die entzauberte, erdige und völlig unromantische Ex eines Pantomimen. Das Publikum muss alles mit ansehen und findet dabei kaum Zeit zum Atmen.

Ausgerechnet über seine hilflosen Versuche, sich auf die eine oder andere Art das Licht auszublasen, finden die Beiden im Film „Pulp Fiction“ eine Gemeinsamkeit und damit auch zueinander. Immer tiefer geht das Frage und Antwortspiel der beiden Gehörnten um halb drei Morgens im Park und gipfelt schließlich in seiner Fantasie, er würde gerne einer Frau Tropfen von Amaretto vom Hals abwärts lecken bis…

Es scheint unfassbarer Zufall zu sein, als die Beiden feststellen, dass sie mit dem Partner des jeweils anderen betrogen wurden, dass sie über Socken in Hundekacke, Alkohol und die Kastelruther Spatzen zueinander gefunden haben. Und während sich die Gäste im Emailwerk noch die Tränen aus den Augen wischen und gleichzeitig darüber grübeln ob es diese Zufälle wirklich geben kann, holen Köchl und Jäger zum alles vernichtenden Schlag aus. Schauspielerisch sind die beiden bereits in Bestform, im Stück lauert aber noch die alles verkehrende Wendung…

 

Sind Beziehungen innen so, wie sie nach außen scheinen? Was hält eine Beziehung zusammen? Wie viel kann oder muss man an einer Beziehung „arbeiten“, ohne dass sie an Authentizität verliert oder gar zum Schauspiel wird? Sind Beziehungen erneuerbar? Neigen wir dazu, Beziehungen mit allerlei Zierrat auszuschmücken, um die Leere zu überdecken? Oder ist alles bestens und wir sorgen nur für zusätzlichen Spaß? Wer sich bei Amaretto, gespielt von zwei grandiosen Mimen, nicht nur vor Lachen in die Finger gebissen, sondern sich danach auch eine Nachdenkpause gegönnt hat – dem wird vielleicht die eine oder andere Frage dieser Art durch den Kopf gegangen sein. Gut so.

(mw)

 











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