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04.02.18 - 14:13 Uhr

Martenstein, die ZEIT und ihre Lieder.


Es gilt zuerst, den Titel aufzulösen:

1. Martenstein: Eine Kolumne im ZEITmagazin heißt "Harald Martenstein". Seltsamer Name für eine Kolumne, die heißen normalerweise irgendwie anders und originell: Diese ist nach ihrem Autor benannt, was schon mal auch den Neid von anderen Schreibern nach sich zieht.

 

2. die ZEIT: DIE ZEIT und ihre Autoren sind preisgekrönt. Und außergewöhnlich ist auch der Erfolg der Hamburger Wochenzeitung: Sie erreicht über 2 Millionen Leser, davon besonders viele hochqualifizierte Meinungsbildner. Jeden Donnerstag erscheinen in dem umfangreichen Blatt Hintergrund-Informationen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Bildung, Gesellschaft, Reisen und Geschichte.

 

3. ihre Lieder: Der Liedermacher Georg Clementi wurde am Tag der Mondlandung geboren, was ihn fürs Leben prägen sollte. "Die Sonne ist Arbeit, der Mond ist Begehren", las ich vor langer Zeit mal in einem Essay von Georg Seeßlen. Dieses Begehren ist die treibende Kraft in Clementis Leben. Nichts erscheint ihm unmöglich genug, es nicht versuchen zu wollen.

 

Genau hier beginnt die Gemeinsamkeit der drei genannten Punkte. Clementi, der bereits als Jugendlicher Musik geschrieben, aufgeführt und auch auf CDs veröffentlicht hat, kam eines Tages auf eine abenteuerliche Idee, als er gerade seine Lieblingslektüre, die Wochenzeitung DIE ZEIT, aufschlug, um sich der Lektüre des von ihm verehrten Kolumnisten Harald Martenstein zu widmen. „Ich liebe seine Kolumnen. Auch wenn sie noch so provokant und ironisch sind, sind sie immer von Herzenswärme geprägt. Und geistreich und komisch sind sie obendrein“, sagt er. Der logische nächste Schritt: Ausgewählte Martenstein-Kolumnen zu Chansons zu veredeln.

 

Aus alldem entstanden letztlich drei CDs mit dem Titel "ZEITLieder", die Konzerte wurden allerorts als Neuentdeckung  und als eine " Kunst der Einfühlung" gefeiert. Doch das war dem Mond-Menschen Georg Clementi nicht genug. Er wollte mit seinem literarischen Idol Harald Martenstein einmal gemeinsam auf der Bühne stehen. Die Kraft des Begehrens hat es möglich gemacht. Am 3. Februar des Jahres 2018 begrüßten Georg Clementi und Harald Martenstein ein spannungsgeladenes Publikum im Seekirchner Emailwerk.

 

Mit dem lockeren Eingangssatz "Dass dieses Programm vor dem etwas anspruchsloseren Publikum in Deutschland gut ankommen würde, hätte ich mir ja gedacht, aber wenn das auch in Österreich funktioniert, dann hab ich was dazugelernt", hatte er schon in den ersten Minuten die Herzen des Cordoba-geprägten Publikums erobert. Er hätte es auch nicht für möglich gehalten, dass man aus seinen Kolumnen Lieder machen könne, wenngleich er Ähnliches schon einmal von einer Tänzerin erlebte, allerdings war bei der Aufführung im Dresdner Hygienemuseum die Orientierung erheblich schwieriger, da er nicht wusste, an welcher Stelle des Textes sich die Künstlerin gerade bewegte. Spätestens hier wurde klar: Dieser Martenstein ist nicht nur ein einzigartiger Kolumnist, er ist auch ein charmanter, faszinierender, fesselnder und äußerst humorvoller Erzähler.

 

Dann ging es Schlag auf Schlag, jede Geschichte übertraf die vorher gelesene, die Menschen im Saal lauschten gebannt, lachten Tränen und folgten Martenstein auch  in jene Tiefe der Nachdenklichkeit, die seine Zeilen sehr oft auslösen. Er provoziert mit seinen Kolumnen, der Autor und Journalist spielt gerne den Advocatus Diaboli. "Man muss auch dafür sorgen, dass es in den politischen Debatten in diesem Land vielstimmig zugeht, nicht einstimmig. Wenn ich das Gefühl habe, alle blasen ins gleiche Horn, dann werde ich reaktant. Das ist ein Fachbegriff. Reaktant ist, wenn man dann widerspenstig wird und sagt: Jetzt beziehe ich erst recht die Gegenposition", so Martenstein.

 

Ich möchte die einzelnen Texte dieses genialen Abends nicht nacherzählen müssen, meine Empfehlung: Kaufen sie sich eines der unzähligen Bücher von Harald Martenstein oder lesen sie die eine oder andere Kolumne im Internet nach. Dazu legen sie sich eine der drei Zeitlider-CDs auf, die bereits erschienen sind. Ich bitte also um Verständnis, denn ich sitze hier mit schwitzenden Händen und verfasse eine Rezension über einen, der alles besser kann als ich, wenn er eine Tastatur vor sich oder einen Stift in der Hand hat. Das ist schwer genug, glauben Sie mir.

 

Trotzdem ein paar Andeutungen, damit sie wissen, wonach sie suchen sollen: "Mir ist alles egal! Esst Eier! Seid korrupt!" ist ein Text über Skandale und den Untergang der Welt, die Rolle der Natur dabei: "Wir sterben eh. I did it my way. Nach dem Ende der Menschheit regieren die Küchenschaben, die werden es gut machen, ich vertraue ihnen, they’ll do it their way. Eine Art steigt auf, der Mensch zum Beispiel, und vermehrt sich zu stark, zerstört ihr Biotop und stirbt dann. Ganz normal. Wenn der Mensch verschwindet, dann ist das öko, so läuft das eben, Natur, ewiges up and down. Klimakatastrophe – take me in your arms and rock me."

 

Dazwischen immer wieder ein entfesselter Georg Clementi zusammen mit Sigrid Gerlach am Akkordeon und Ossy Pardeller an der Gitarre. Sie nahmen die Zuhörer mit auf eine außergewöhnliche musikalische Reise. Das Konzert begann mit "Ich träume", dann folgte das Lied zum Text von "Mir ist alles egal", nach einem Text von Martenstein, in dem er über den Hang der Deutschen zum Nacktsein referierte und einem weiteren "Social Freezing", in dem er für das temporäre Einfrieren von Kindern plädiert, damit sie nur Quality time mit den Eltern verbringen können, folgte das Lied "Mehr oder weniger".

 

Alleine die Titel der Lieder sind schon poetisch und selbstsprechend: "Das Glück liegt in der Ferne", "Sie tun‘s schon wieder", "Da gibt es einen Platz" oder die großartigen Gedanken über eine alte Frau und den letzten Tage, Wochen, Jahre ihres Lebens: "Lied einer alten Frau". Das alles ist tiefgründig und geistreich, das ist voll Sinn und Sinnlichkeit, aber auch an der einen oder anderen Stelle voller Witz. Ganz zuletzt interpretierten Martenstein und Clementi ihre Versionen von „Das Kopftuch“, und „Küsse die Hand“, ein pointierter Seitenhieb auf die Nöte der Männer in Zeiten der Political Correctness, hochaktuell dazu.

 

Vielleicht ist das Jahr noch zu jung, um zu sagen, dass dieser Abend das Beste war, was 2018 auf die Emailwerk-Bühne gefunden hat. Eine Sternstunde war es allemal. Und um den Mond noch einmal zu metaphern: "Die Sonne ist duale Ordnung, der Mond ein zyklischer Tanz". Passt doch.

(lf)

 

 

 

 











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