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31.10.16 - 10:32 Uhr

Herzhaft


Beim Essen verwenden wir die Beschreibung herzhaft, wenn ein Gericht besonders vollwürzig und rund schmeckt und im Geschmacksbild eher traditionell anmutet. Traditionell ist das Stück „Die geheimen Tagebücher von Adam und Eva“, inszeniert von der TheaterOFFensive Salzburg nach einer Vorlage von Mark Twain, allemal. Denn welche Beziehungskiste könnte althergebrachter sein als jene von Adam und Eva, dem Urpaar, der ersten Liebesgeschichte, der alle anderen folgten.

 

Auch an Vollwürzigkeit mangelt es den Dialogen zwischen Anja Clementi (Eva) und Alex Linse (Adam) in keinem Augenblick. Lediglich die (falsche) Schlange, gespielt von Silke Stein, bemüht sich mit ihrem „frásösischem“ Unterton um eine „bourgeoisiese“ Haltung. Es hilft nicht viel. Adam ist der Archetyp all dessen, was einem zum Thema Testosteron einfällt. Mit einer kleinen Ausnahme: er führt Tagebuch. Und ihm ist sterbenslangweilig, was Gott dazu bewog, ihm eine Gefährtin an die Seite zu stellen. Der Rest ist Geschichte…

 

Alex Linse verkörpert den Adam in einer Mischung aus Fred Feuerstein und Jeff Buckley. Laut polternd beschwert er sich ohne Atem zu holen über den neuen Eindringling, rühmt sich ob seiner maskulinen Fähigkeiten und verkündet, dass früher alles besser war, als er noch nach Herzenslust seinen Wasserfall hinunterrutschen konnte. Gleichzeitig offenbart er seinem Tagebuch, dass ihm „die Neue“ doch irgendwie ans Herz wächst und ihre anstrengende Besserwisserei doch auch bereichernde Ansätze hat. Er ist, was ihre Kritik betrifft, hochsensibel. Sie geht ihm doch irgendwie ans Herz. Der musicalartige Aufbau des Stücks unterstreicht seine ungeordnete Gefühlswelt durch Lieder zwischen niederstem Proletentum und gefühlsüberladenen Herzschmerzern.

 

Anja Clementi ist in ihrer Rolle als Eva nicht minder prototypisch. Sie ist laut, redet unaufhörlich und bemüht sich Ordnung in den Garten Eden zu bringen, indem sie alles und jedem einen Namen gibt. Und sie – auch das kommt uns sehr bekannt vor – beginnt Adam zu erziehen und die Welt rund um ihn nach ihren Vorstellungen zu verformen. Mitten im Spannungsfeld zwischen X und Y Chromosomen hat die Schlange leichtes Spiel - nachzulesen im Buch Genesis.

 

Clementi und Linse spielen ihre Alter Egos sehr intim und einfühlsam, was im ständigen Wechsel zwischen ordinärer Grobheit, gesungener Zuneigung und intellektuellem Diskurs ganz bestimmt kein Leichtes ist. Mark Twain stellt in seiner Textvorlage weniger „das Warum“ in den Vordergrund, beleuchtet also nicht, aus welchem Grund die beiden sich immer näher kommen, sondern widmet sich viel mehr dem „Wozu“ und reicht damit der Evolutionslehre mit einem Augenzwinkern die Hand. Der Baum hieß schließlich „Baum der Erkenntnis“ und nicht „Baum der Traditionen“. Und das Wozu wird im Stück dann bildhaft.

 

Erst Kain, dann Abel (ein unglücklicher Start, aber es wird besser) und dann noch fünf weitere Nachkommen, die den Zustand Liebe, den Adam und Eva erfunden und tragfähig gemacht haben, als fundamentale Grundlage des Menschseins in die Welt hinaustragen. Der Rauswurf aus dem Paradies war also keine Strafe Gottes für Ungehorsam, sondern sein „Bestanden“-Stempel auf dem Tauglichkeitszertifikat des Menschen. Gehet hin und mehret euch.

(mw)











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