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15.09.17 - 12:42 Uhr

Ist Analog das neue Digital?


Die Auftaktveranstaltung in den Kulturherbst im Emailwerk Seekirchen befasste sich mit dem Schwerpunktthema ANALOG, und das in Form einer Podiumsdiskussion. Geladen waren Andre Wilkens, Berliner Politikwissenschaftler und Autor von ANALOG IST DAS NEUE BIO, Florian „Doc“ Kaps, Visionär und Erfinder von THE IMPOSSIBLE PROJECT und Betreiber vom ersten Supermarkt der Sinne SUPERSENSE und Leo Fellinger, Chief Creative Officer im Digital Department der Porsche Holding, der kurzerhand für den verhinderten Josef Schinwald einsprang. Durch das Gespräch führte Univ.-Prof. Dr. Franz Huber, Professor für Innovationsmanagement in der Privatuniversität Seeburg, mit der diese Veranstaltung auch gemeinsam durchgeführt wurde.


Die Diskussion entwickelte sich von der ersten Minute an zu einer durchaus emotional geführten Debatte. Die Frage, ob ANALOG nun ein gesellschaftlicher Trend oder eine Grundvoraussetzung menschlichen Seins sei, erhitzte sofort die Gemüter. Florian Kaps beschwor die Rückbesinnung auf die sinnlichen und sensorischen Fähigkeiten des menschlichen Wesens herauf, während Andre Wilkens befand, dass es Zeit für eine organisierte Bewegung wäre, die sich der Rückbesinnung auf analoge Werte und Lebensform annehmen sollte, ähnlich der Widerstandsbewegung, die letztlich zum Label „SlowFood“ geführt hatte.

Man kann keine Debatte über ANALOG führen, ohne DIGITAL näher zu beleuchten, meinte der in jeder Phase des Gesprächs souveräne Moderator Franz Huber. Zentrales Thema dabei bildete die Daten(un)sicherheit, die fehlenden ethischen Selbstverpflichtungen diesbezüglich von Großkonzernen, Google, Apple und Co beim Umgang mit persönlichen Daten. Leo Fellinger, vom Moderator eingangs als „Mr. Digital“ vorgestellt, tat sich sichtlich schwer, der analogen Argumentationskraft von Kaps und Wilkens überzeugende und beweisbare Fakten entgegenzuhalten. Zu sehr wurde das Ausschöpfen der digitalen Möglichkeiten schon von politischen und wirtschaftlichen missbräuchlich eingesetzt. Auch der Einwand Fellingers, das Analoge sei die menschliche und gesellschaftlich Basis und das Digitale reines Werkzeug, wurde von den beiden Gästen als realitätsfern eingestuft. Die Wirklichkeit definiere sich nicht über Konzepte und Absichten, sondern über sichtbare Tatsachen und die von der Digitalisierung erzeugte scheinbare Effizienz führe lediglich zu einer ungesunden Beschleunigung in den ohnehin hektischen Lebenswelten der Menschen.

Zwischenapplaus gab es immer wieder, zum Beispiel, als Wilkens seine Überlegungen für eine „Gebrauchsanweisung“ ausführte: Während es für jede Schmerztablette einen Beipacktest mit allen unerwünschten Nebenwirkungen gibt, sind die Auswirkungen der „Droge“ Digitalisierung völlig intransparent. Wir legen alles in die Hände anderer und werden dabei immer abhängiger und unselbständiger. Es gilt, Digital besser zu verstehen und nicht nur widerspruchslos anzunehmen. Kaps ergänzte: Digital ist nicht in der Lage, irgendwelche Spuren zu hinterlassen, alles verschwindet in eine Cloud, bis man selbst zur Cloud wird - wo liegen die Bilder, die Daten, die Aufzeichnungen, die man hinterlässt? Hinterlässt Digitales überhaupt etwas? Haben die Menschen das Denken abgegeben? Beide postulierten: Es ist Zeit für einen grundlegenden Wandel.

Einigkeit herrschte darüber, dass ANALOG immer mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rücke und eine spürbare Veränderung und Rückbesinnung seine Blüten treibt. Bücher werden darüber geschrieben, analoge Fotokurse schießen aus dem Boden, das Briefeschreiben wird wieder en vogue, eine Renaissance des Handwerks steht vor der Tür. Kaps hielt ein Plädoyer für den Geruchssinn, jenen der fünf menschlichen Sinne, der digital weder simuliert noch stimuliert werden kann, während Wilkens seine neu ins Leben gerufene Skat-Runde als wahre Kreativschmiede bezeichnete - ein schmunzelnder Seitenhieb auf die überbordende Startup-Szene im Digital-Business.

Das Publikum genoss die leidenschaftlich und mitunter unterhaltsame Debatte und brachte sich auch am Ende der Expertenrunde mit seinen Standpunkten ein. Dennoch: Viele Fragen blieben offen - ein unfassbar breites und spannendes Thema, das alle berührt. Ein absolut gelungener Auftakt in den Kulturherbst 2017.

(lf)











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